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In gestreifter oder gepunkteter Stimmung? 25.10.00
25.10. 2000 In gestreifter oder gepunkteter Stimmung? (Berliner Zeitung)
Das Electronic Business Forum und das Graduiertenkolleg "Verteilte Informationssysteme" luden zum Berliner Forum Electronic Commerce (von Christian Schlüter)
Das Geschäft der Online-Buchhändler läuft zurzeit nicht besonders gut. In der Branche ist die Stimmung eher verkatert. Dennoch wird dem E-Commerce eine große Zukunft vorausgesagt. Um die marktwirtschaftlichen Potentiale und technischen Probleme dieser Entwicklung ging es am vergangenen Freitag auf dem "Berliner Forum Electronic Commerce" der Humboldt-Universität. Auf der Veranstaltung des Berlin-Brandenburgischen Graduiertenkollegs "Verteilte Informationssysteme" und des Electronic Business Forum sollten vor allem Aufgaben der Wirtschaftsinformatik vorgestellt werden.
Dierk Schueler vom "IBM E-Business Innovation Center" erörterte die Frage, ob und wie andere Unternehmungen sich das Internet zu Nutze machen können. Seine These: Die "technische und geschäftliche Vernetzung" sowie die "Integration der neuen Technologien in die soziale Vernetzung" bringen einen "erheblichen Wettbewerbsvorteil" mit sich. Dabei kam es Schueler besonders auf die Chancen des mobilen, also Handy-gestützten Internetzugangs an. Hier gibt es allerdings Probleme. Zwar zeigt sich die hohe Akzeptanz des Handys im Bereich der SMS-Textbotschaften. Doch bietet diese Technologie keinen "Bezug zum Internet". Insofern fehlen hier die Möglichkeiten zur einträglichen Verwertung. Bedauerlicherweise sind auch die mit WAP ausgestatteten Mobiltelefone noch nicht leistungsstark genug, der Verbindungs- und Bildaufbau ist zu langwierig und das inhaltliche Angebot unzureichend. Für Schueler war klar: Um diese Defizite auszugleichen, muss die Mobilfunktechnologie mit "Attraktoren" ausgestattet werden. Dazu gehören schon die bunten Schalen, mit denen man sein Handy verkleiden kann, je nachdem, ob "ich heute in grüner, gestreifter oder gepunkteter Stimmung" bin. Denkbar ist aber auch die Einführung von so genannten Avataren wie dem blonden Robert T-online. Vor allem dem "branding-problem" soll damit begegnet werden: Für Kreditinstitute besteht künftig das Problem, dass Kunden ihre Bankgeschäfte mit dem Gerät identifizieren, das ihnen den Kontozugang erlaubt, letztlich mit dem Namen des Handyherstellers. Weil es aber das Geld weder bei Nokia noch bei Siemens gibt, kommt es beim mobilen Internetzugang ganz erheblich auf die Präsentation des "content providers" an. Und die lässt, gestand Schueler ein, nicht nur bei Banken zu wünschen übrig. Der IBM-Berater erhoffte sich deshalb vom "unified messaging" neue Impulse. Diese Technologie soll verschiedene Daten- und Informationstypen kombinieren: "Ich lasse mir die auf meinem Handy empfangene E-Mail vorlesen, den Namen ihres Absenders mit dem Adressenverzeichnis vergleichen und mich dann mit ihm telefonisch verbinden."
An diesem Punkt berührten sich Schuelers Ausführungen mit dem Schwerpunkt der Wirtschaftsinformatiker. Das Graduiertenkolleg arbeitet an der "Technik zur Verwaltung semistrukturierter Informationen". "Semistrukturiert" sind Datenbestände, die keinem gemeinsamen wohldefinierten Schema entsprechen, doch trotzdem miteinander interagieren. In der Anwendung sollen heterogene Informationsquellen aus dem Internet in einer Datenbank integriert werden. Dabei können auch "adaptive Kommunikationskomponenten für intelligente Agenten" ein Rolle spielen. Diesen Avataren wird versucht, eine auf jeden Provider zugeschnittene Kommunikationskomponente zu implementieren; sie passen sich dem Informationsanbieter automatisch an und unterstützen so den flexiblen Zugriff auf heterogene Datenbestände. Das Ziel ist eine Dialogverwaltung mit intuitiver Bedienbarkeit und situationsabhängiger Benutzerunterstützung. Semistrukturierte Informationen liegen immer heterogen vor, etwa in Gestalt von Messreihen, Berichten oder Bildern; ihre Integration in eine Metadatenbank erlaubt es, auch Querverweise zu erfassen.
Resultate der klar anwendungsorientierten Forschung liegen erst zum Teil vor. Wie um die jungen Wissenschaftler anzuspornen, hatte das "Berliner Forum" auch prominente Gäste geladen. Erwin Staudt, Vorsitzender der Geschäftsführung von IBM Deutschland, war gekommen, um gute Laune zu verbreiten. Er wollte "Lust an diesem Leben machen, das wir führen in der Industrie", erzählte vom Kauf seines ersten BMWs und den enormen Zuwachsraten in seinem Gewerbe: "Im Jahre 2004 wird es 800 Mrd. Umsatz auf dem Internet-Markt geben" - also für jeden, der einsteigt, wenigstens einen BMW. Und der als einer der "Innovationstechnologiefreundlichsten" in der Bundesregierung vorgestellte Hans Martin Bury, Staatsminister im Kanzleramt, rief eine "neue Gründerzeit" aus. Das Internet sei eine neue Kulturtechnik und diejenigen, die es nicht beherrschen, werden zu den Analphabeten gehören. Möge es die von Bury beschworene "Zivilgesellschaft", das wohlfeile Nichts der Sonntagsredner, richten.