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Entstaubt und hochaktuell 01.09.00

01.09. 2000 Entstaubt und Hochaktuell


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Kaum eine Universität, kaum eine Fachhochschule will es sich leisten, abseits des E-Commerce-Geschehens zu stehen. Spätestens seit der Green Card-Debatte sind nahezu alle auf den Zug der Zeit aufgestiegen und bieten neuartige Studiengänge oder Projekte an. Doch E-Commerce ist nicht gleich E-Commerce : Während die einen gleich einen komplett neuen Lehrstuhl einrichten, binden die anderen E-Business lediglich als zusätzliches Schwerpunkt-Thema in ihre bestehenden Studiengänge ein.

Innerhalb von wenigen Wochen meldeten sich Hunderte von Abiturienten an der Fachhochschule für die Wirtschaft FHDW in Hannover. Sie alle wollten sich für den in 38 Monaten Studien-Abschluss des Diplom-Informatikers FH bewerben. Kurzum beschloss die Fachhochschule ihr Studienplatz-Angebot in dem neuen Studiengang von 30 auf 80 aufzustocken. Fast alle Hochschulen haben den Bedarf erkannt und reagieren. Doch an den Studienangeboten ist erkennbar, dass sich die Universitäts- und Hochschul-Professoren uneinig sind. Natürlich teilt FHDW-Präsident Professor Karl Müller-Siebers die allgemeine Auffassung, dass elektronische Medien das Wirtschaftsleben nachhaltig verändern: Die Märkte wachsen weltweit zusammen, die Geschäftsprozesse werden beschleunigt, die Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Lieferanten und Kunden erweitert und die Transaktionskosten sinken. Diese zusätzlichen Chancen eröffnen laut Präsident Müller-Siebers das Internet als raum- und zeitübergreifendes Kommunikationsmedium. Das Internet sei damit Transportmittel und manchmal durch seine technischen Möglichkeiten auch Anreger für neue Geschäftsideen. Aber ohne diese Geschäftsideen und ohne zusätzlichen Kundennutzen bleibe das Internet lediglich das Spielzeug für wenige Technik-Begeisterte. Und der Professor fährt fort: Die wirkliche Herausforderung im E-Business besteht in der kundenorientierten Neugestaltung von Produkten und elektronisch gestützten Geschäftsprozessen. Und sie besteht gleichzeitig darin, die Grenzen des E-Business zu erkennen und Alternativen zu entwickeln. Der Professor ist der Auffassung, dass E-Business als eine Erweiterung der vorhandenen Kommunikations- und Vertriebskanäle anzusehen sei. Natürlich nehme neben anderen Kommunikations-Kanälen in den Marketing-Vorlesungen in BWL das Thema E-Business breiten Raum ein, und es liefere etwa für die Wirtschafts-Informatiker das Semesterübergreifende Programmierthema. Dennoch dominiere es nicht leitmotivisch alle Lehrveranstaltungen. Auch müsse man nicht soweit gehen, E-Commerce/ E-Business als ein eigenständiges Studienfach anzubieten. Denn, fährt der Professor fort, unsere Studierenden sollen nach Abschluss ihres Studiums in der Lage sein, das gesamte Kommunikations-Instrumentarium mit seinen umfassenden Möglichkeiten einzuschätzen und zu nutzen. Und als Wirtschafts-Informatiker und Informatiker werden sie selbstverständlich auch in der Lage sein, E-Business-Lösungen vor dem Hintergrund eines tiefen Anwendungs-Verständnisses zu konzipieren und zu realisieren. An der FHDW wechseln sich Theorie und Praxis vierteljährlich ab. Daher ist es für den Professor Bedingung, dass jeder der Studenten ein Praktikum in einem Unternehmen begleitend findet.

Die hohe Kunst des E-Business

Mit konzeptionellen und gestalterischen Fragen befasst sich der Studiengang E-Business an der Hochschule der Künste in Berlin. Im Zentrum der künstlerisch-gestalterischen Auseinandersetzung stehen die wirtschaftswissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen, die für den elektronischen Handel von Bedeutung sein könnten. Das Studium des Diplom-Designer E-Business soll als Hauptstudium etabliert und danach mit einem zweiten Studiengang international ausgerichtet werden.

Die Brücke zur Wirtschaft

Als Bindeglied zwischen universitärer Forschung und dem sich schnell verändernden E-Business sieht Thomas Natkowski das Electronic-Commerce-Forum der Humboldt-Universität in Berlin: Wir sind ein Projekt des Instituts für Wirtschafts-Informatik der Wirtschafts- Wissenschaftlichen Fakultät, und sind bereits in unserem 2. Semester. Der inhaltliche Schwerpunkt des Electronic-Commerce-Forums liegt erklärtermaßen in der Organisation und Betreuung studentischer Unternehmensberatung in Form von Praxis-Semestern. Dabei arbeiten die Studenten, nicht nur der Humboldt-Universität, an strategischen Problemstellungen von Firmen aus Industrie und öffentlicher Verwaltung sowie Start-ups. Als langfristiges Ziel der Arbeiten hat sich das Forum die Einrichtung eines eigenen E-Commerce-Lehrstuhls gesetzt, der allein durch Partner aus der Wirtschaft finanziert werden soll. Schon heute werde das Forum zum großen Teil aus den Spenden von Partnern finanziert.

Die Unternehmen mischen fleißig mit

Die Unternehmen spenden und stiften und bringen ihre Erfahrungen gerne frühzeitig in die Ausbildung der IT-Fachkräfte ein. Einer der Trendsetter ist Intershop-Gründer Stephan Schambach. Von ihm gestiftet, soll es in seiner Heimatstadt Jena im Herbst nach Frankfurt einen zweiten Lehrstuhl für E-Commerce geben. Durch das Sponsoring des E-Commerce Lehrstuhls für Deutschlands erste Privat-Akademie, MediaCity.Academy, in Hamburg arbeitet die Wirtschaft erstmals auch an den Lehrinhalten mit. Mitgründer und Finanz-Vorstand von Intershop, Wilfried Beeck, hat sich sogar entschlossen, die Internet-Schmiede privat mit jährlich 250.000 DM zu unterstützen mit der Begründung: "Durch dieses Engagement wollen wir unseren Teil dazu beitragen, dass Deutschland den Anschluss in der sich rasant entwickelnden New Economy nicht verliert."

Europäische Kooperation

Auch vor der Landesgrenze macht E-Commerce / E-Business nicht Halt. So bietet die nördlichste Fachhochschule Deutschlands, in Flensburg, zusammen mit ihrer schwedischen Partner-Hochschule einen internationalen Master-Studiengang in E-Business an. Der Master, heißt es, sei ein Berufs-orientierter und nicht Wissenschaftlich-orientierter 1-ähriger Studiengang zur Vertiefung der fachlichen Kompetenz und zum Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen und internationaler Erfahrung. Zum Masterstudium kann zugelassen werden, wer einen Bachelor-Grad oder ein Fachhochschuldiplom in Wirtschafts-Informatik oder in einem anderen Informatik-Studiengang erreicht hat. Alle Studenten des Studiengangs studieren zunächst gemeinsam an einer Hochschule und dann gemeinsam an der anderen Hochschule. Alle Veranstaltungen in Flensburg und im schwedischen Ronneby sowie alle Prüfungen erfolgen in englischer Sprache. Der Master-Studiengang soll durch die besonderen inhaltlichen Schwerpunkte und internationale Ausbildung eine überregionale Attraktivität erlangen. Der erworbene Titel lautet Master of Information Systems (MIS). Mit Einführung des Bachelor- und Master-Programms nimmt die Fachhochschule Flensburg eine europaweite Entwicklung auf: Die sogenannte Sorbonne-Erklärung der EU-Bildungsminister vom 15. Mai 1998 zur Harmonisierung der akademischen Ausbildung läuft letztlich auf eine zweigeteilte, konsekutive Hochschulausbildung hinaus. Wenn es auch bisher keine erkennbare Konvergenz im Umfang der einzelnen Stufen dieser Abschlüsse gibt, so ist die Entwicklung zu einer solchen Zweiteilung in graduale und postgraduale Studiengänge doch unverkennbar. Abgesehen von dieser Entwicklung hat sich erwiesen, dass der Abschluss FH-Diplom vor allem Ländern mit nur einer Hochschulform schwer vermittelbar ist.

Wer die Wahl hat, ...

Das Spektrum an Lehrangeboten von Voll-, Ergänzungs- oder Aufbau-Studiengängen bis hin zu virtuellen Lehrveranstaltungen zum Thema E-Commerce/ E -Business sind in Deutschland mittlerweile nahezu unüberschaubar geworden. Wenn es um die beste Verbindung von Theorie und Praxis geht, so schneiden im direkten Vergleich die Fachhochschulen besser als die Universitäten ab. Die Industrie bevorzugt überwiegend FH-Absolventen, da sie zu ihrer akademischen Ausbildung zusätzlich praktische Erfahrungen mitbringen würden. Die FH-Studenten gelten in der Regel als flexibler und teamfähiger. In den unüberschaubaren Lehrangeboten müssen sich die künftigen Studenten und Studentinnen zurecht finden. Es ist daher wichtig, sich darüber klar zu werden, ob das Interesse an E-Commerce technischer oder wirtschaftlicher Natur ist. Ist der Entschluss gefasst und die Richtung festgelegt, bleibt nur noch, sich die Studienordnungen der in Frage kommenden Universitäten und Fachhochschulen durchzulesen, Informations-Material zuschicken zu lassen und sich in jedem Fall die Websites der potenziellen Fakultäten anzuschauen.

Sekundärlinks

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