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Internet-Business in Europa zieht US-Nachwuchs an 26.05.00
(c) Reuters Limited 2000. Quelle: REUTERS NEWS SERVICE REUTERS GERMAN LANGUAGE NEWS 26/05/2000
Internet-Business in Europa zieht US-Nachwuchs an.
Reuters News Service vom 26.05.2000, Deutschland
Von Angelika Stricker Berlin, 26. Mai (Reuters) - Europa wird vom amerikanischen Internet-Nachwuchs zunehmend als attraktiver Geschäftsplatz entdeckt und Deutschland ist das bevorzugte Einstiegsland. Nach Einschätzung von Risiko-Kapitalgebern und jungen Internet-Unternehmen hat das zwei Gründe: Die Internet-Strukturen seien noch nicht so weit ausgebildet, und eine der zukunftsträchtigsten Sparten, der Internet-Zugang per Handy, sei in Europa weiter entwickelt als in den USA, sagen übereinstimmend Matthias Keudel von Bertelsmann Valley, einem so genannten Inkubator, der Internet-Unternehmen finanzielle und strukturelle Starthilfe gibt, und Gianluca Dettori von Vitaminic, einem Musik-Vertrieb im Internet. Europa avanciere zum angesagten Ort, hei�t es bei meOme in Berlin. An Deutschland interessiere speziell das Markt-Potenzial, sagt Franz Lichtenberg vom Inkubator VentureLab.
Die USA bleibt die Wiege des Internet-Geschäftes, die potenziellen Jungunternehmer entdecken jedoch den Reiz des alten Kontinents. So stellt es sich den Veranstaltern des ersten Gründer-Kongresses dar, an dem Mitte Mai am Bostoner Massachusetts Institute of Technology (MIT) 650 Studenten und Absolventen unterschiedlicher Studiengänge teilnahmen. Sie informierten sich über die Chancen und Risiken einer Geschäftsgründung in Europa. "Hier k�nnen sie Sachen machen, die in den USA gar nicht m�glich sind", sagt Keudel. Für den europäischen Markt haben amerikanische Studenten nach den Worten Dettoris viel zu bieten. Ein US-Student bringe eine reiche Praxis im Internet und aus ersten Gehversuchen in der Selbstständigkeit mit, sagt Keudel.
"Mit einer zweijährigen Internet-Erfahrung ist er in Amerika einer unter 20.000, in Europa ist er dagegen fast einmalig", stellt Lichtenberg fest. Wer dann noch aus Europa stamme und dessen Kulturen kenne, habe die besten Chancen. Denn die unterschiedlichen Kulturen, die man in Europa berücksichtigen müsse, "sind für viele Amerikaner nicht nachvollziehbar", sagt Lichtenberg. Nach seiner Einschätzung waren 60 Prozent der Kongressbesucher Europäer, die im Raum Boston ihren Wirtschaftsabschluss machten. Ihre Erfahrungen qualifizieren sie für Aufgaben, für die in Europa kaum geeignete Bewerber zu finden sind. Es fehle derzeit an Systemanalytikern mit Management-Erfahrungen und damit an der zweiten und dritten Führungsebene in den schnell wachsenden neuen Unternehmen, sagt Prof. Dr. Gerrit Tamm, Dipl.-Wirt.-Ing. vom Electronic Commerce Forum der Humboldt-Universität Berlin, das das Treffen in Boston mit organisiert hat. Das Forum bietet Internet-Gründern zwar kein Geld, aber Unterstützung in der Konzeption, der Realisierung und Bewertung von Projekten im elektronischen Handel, dem e-commerce. Studenten leisten die Arbeit in Hauptseminaren und sammeln dabei Tamm zufolge die Erfahrungen, die ihnen ihre amerikanischen Kommilitonen noch voraus haben.
In der Folge des Bostoner Treffens sind nach Angaben Lichtenbergs die ersten Verträge schon unterschrieben. Das Berliner Internet-Unternehmen meOme habe in diesen Tagen mit einem ersten Dutzend von Bewerbern Gesprächstermine, sagt Sprecher Boris Hageney. meOme wurde im Januar von sieben Gründern gestartet und wuchs seitdem auf rund 300 Beschäftigte, die gro�enteils an den Berliner Universitäten rekrutiert wurden. Der Bedarf an weiteren 200 Mitarbeitern sei in Europa nicht mehr zu decken, sagt Hageney. meOme stellt individuelle Einstiegsseiten für das Internet zusammen und initiierte den Bostoner Kongress. "Es ist an der Zeit, dass wir Europär endlich den Amerikanern die Profis abwerben - und nicht umgekehrt wie bisher", sagt Burckhardt Bonello, einer der Gründer von meOme.
Noch einen Vorteil haben die Amerikaner, zumindest gegenüber Mitbewerbern aus vielen andern Ländern: Mit der Arbeitserlaubnis haben sie nach Auskunft des Bundesinnenministeriums überhaupt keine Schwierigkeiten. Bleibt ein Handicap - sie sind teuer. Die Internet-Firmen bekommen nach eigenen Angaben Gehaltsvorstellungen genannt, die das Doppelte des deutschen Niveaus erreichen. Vitaminic ist nach Auskunft Dettoris dabei, für die Interessenten attraktive Aktienoptionen zu entwickeln. "In Amerika wurde eben schon vorexerziert, wie viel aus dem Internet rauszuholen ist", sagt Hageney.
ast/dob. (c) Reuters Limited 2000. 26/05/2000 (REUTERS GERMAN LANGUAGE NEWS